2026: Santa Cruz
Seit sieben Tagen und sieben Nächten schneit es ununterbrochen im kleinen Schweizer Dorf, es ist kalt, sogar das Wasser in der Vase gefriert. In der Spelunke wird wie jeden Abend gejasst, getrunken und über das privilegierte Leben der Rittmeisters im benachbarten Schloss gezetert.
Plötzlich erklingt eine unbekannte Melodie: Ein Reisender namens Pelegrin zieht mit fantastischen Geschichten aus südlichen Gefilden die Gäste in seinen Bann. Noch in derselben Nacht beschliesst der sterbenskranke Pelegrin, der Schlossfamilie einen Besuch abzustatten, ahnt er doch, dass es sich bei Elvira Rittmeister um seine verflossene Liebe von vor 17 Jahren handeln könnte.
Es kommt zu einer Begegnung mit weitreichenden Folgen: Nach einer durchzechten Nacht beschliesst der sonst sehr vernünftige Rittmeister, seinen unterdrückten Sehnsüchten nachzugehen und packt seine Koffer.
Zeitgleich kehrt Elvira im Traum zurück auf das Schiff in der Südsee, dorthin, wo sich ihre leidenschaftliche, schicksalhafte Begegnung mit Pelegrin einst ereignet hat. Das Publikum wird aus der gutbürgerlichen Realität auf das offene Meer katapultiert, auf ein schaukelndes Achterdeck, wo eine grosse Schar Seeleute singt, flucht, die Segel hisst und den Geschichten einer gefesselten Poetin lauscht.
Die Zuschauenden werden auf sich und ihre Lebensentwürfe zurückgeworfen: Wie viel Sicherheit brauche ich: finanziell, beziehungs- und arbeitstechnisch? Was lebe ich aus, wovon träume ich? Wie viele verschiedene Leben kann ich leben? Bereue ich Entscheidungen? Wie bleibe ich lebendig?
Ohne zu moralisieren, richtet Max Frischs erstes Theaterstück «Santa Cruz» (entstanden 1944) den Blick auf die uns alle innewohnende Zerrissenheit – die Spannung zwischen Pflicht und Verlangen, zwischen Sicherheit und Freiheit, zwischen Realität und Traum – und auf die Parabel des «nicht gelebten Ichs».
Zum Autor
Max Frisch (1911–1991) war ein Schweizer Schriftsteller und Dramatiker, der mit Werken wie „Stiller“ (1954), „Homo Faber“ (1957) und „Andorra“ (1961) internationale Bekanntheit erlangte. Schon mit seinem frühen Stück „Santa Cruz“ (1944) zeigte er sein Interesse an existenziellen Fragen und menschlichen Konflikten, die er später in immer komplexeren Figurenkonstellationen weiterentwickelte. Zentral in seinem Werk sind Themen wie Identität, Selbsttäuschung, Verantwortung und die Frage, wie sehr Menschen ihr Leben selbst bestimmen können. Frischs klare, oft nüchterne Sprache und sein scharfer Blick auf gesellschaftliche Rollen machen seine Texte bis heute aktuell, weil sie zeitlose Fragen über das Verhältnis des Einzelnen zu sich selbst und zu anderen stellen.
